Lesedusche

Louise Labé: Das zweite Sonett

O braune Augen, Blicke weggekehrt

O braune Augen, Blicke weggekehrt,
verseufzte Luft, o Tränen hingegossen,
Nächte, ersehnt und dann umsonst verflossen,
und Tage strahlend, aber ohne Wert.

O Klagen, Sehnsucht, die nicht nachgibt, Zeit
mit Qual vertan und nie mehr zu ersetzen,
und tausend Tode rings in tausend Netzen
und alle Übel wider mich bereit.

Stirn, Haar und Lächeln, Arme, Hände, Finger,
Geige, die auf klagt, Bogen, Stimme, – ach:
ein brennlich Weib und lauter Flammen-Schwinger.

Der diese Feuer hat, dir trag ichs ...

aus: Die vierundzwanzig Sonette der Louize Labé, Lyoneserin, 1555, übertragen von Rainer Maria Rilke, Leipzig 1917.

Louise Labé

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Track 01
O braune Augen, Blicke weggekehrt
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